Über Siegfried Marcus

Siegfried Marcus wurde als Sohn des Gemeindevorstehers und Kaufmanns Liepmann Marcus am 18. September 1831 in Malchin geboren.

Über die Kindheit von Siegfried Marcus ist wenig bekannt. Er besuchte dort die Schule und begann eine Schlosserlehre, die er aber hier abbrach und in Hamburg bei dem ebenfalls aus Malchin stammenden Mechanikermeister Lilge erfolgreich abschloß.

Mit seinen bemerkenswerten elektrotechnischen und mechanischen Erfahrungen machte er sich zunächst in der Werkstatt des Hofmechanikers Kraft und dann ab 1854 als Laborant und Mechaniker am Physikalischen Institut der Wiener Universität einen guten Namen. An der Universität konstruierte er zu Lehrzwecken verschiedene Apparate, war aber schon am Bau der Telegrafenleitung Wien-Berlin und einer anderen Telegrafenleitung für die Donauschifffahrtslinie beteiligt.

Wichtigster Raum in seiner Werkstatt war das Privatlaboratorium, in dem er seine vielen Ideen und Erfindungen entwickelte, die ihm Anerkennung und Erfolg brachten. Ausgehend von seinen Arbeiten zur Telegraphie wurde er auch zu seinen wohl bedeutendsten Erfindungen angeregt. Das waren der Vergaser und der magnetelektrische Zündapparat.

Während der 60er Jahre gab es bereits mehrere Initiativen zur Entwicklung von Gasmotoren. Dem Franzosen Jean Joseph Etienne Lenoir war bereits 1860 der Bau eines Gasmotors gelun

 

gen, der in kleinen gewerblichen Betrieben als Antriebskraft verwendet wurde. Auch in Deutschland konstruierten Nikolas August Otto und Eugen Langen eine atmosphärische Gasmaschine, die 1867 auf der Pariser Weltausstellung Aufmerksamkeit fand. Während diese Maschinen zunächst das durch die Verkokung von Kohle reichlich verfügbare Gas nutzten, dachte Siegfried Marcus im gleichen Jahrzehnt in Wien über die Nutzung flüssiger Kohlenwasserstoffe bei einer kontinuierlichen Verbrennung in einem ganz anderen Zusammenhang nach. Er entwickelte eine Heizlampe, um auf der Grundlage flüssiger Kohlenwasserstoffe durch ein Thermoelement aus Wärme direkt elektrische Energie zu erzeugen. Das setzte voraus, den flüssigen Brennstoff in den gasförmigen Zustand zu überführen, um die Verbrennung zu ermöglichen. Marcus war der erste, der die Verwendung von „Benzin“ als Kraftstoff erfolgreich meisterte. Er entwickelte 1864 einen „Apparat zur Karbonisierung der atmosphärischen Luft“, für den er am 16. Mai 1865 ein österreichisches „Priveleg“ – heute Patent genannt – erhielt. Damit war das Prinzip des Benzinvergasers erfunden, der sich heute in jedem Auto mit einem Verbrennungsmotor findet. Marcus hatte sehr früh – und vermutlich angeregt durch den Professor für Maschinenlehre an der Gewerbeakademie in Berlin Franz Reuleaux – bei dieser Erfindung immer auch die Anwendung seines Vergasers für die Nutzung flüssiger Kraftstoffe in mobilen Verbrennungsmotoren im Auge. Es ging ihm also nicht um den Vergaser an sich. Er hatte bei dieser Entwicklung auch sehr früh die Vorstellung der Verwendung seines Motors als Antrieb von Fahrzeugen in seine Überlegungen einbezogen.

So entwickelte er Ende der sechziger Jahre einen atmosphärischen Motor, der 1870 in einen Leiterwagen eingebaut wurde und mit dem in Gegenwart zahlreicher Zuschauer die ersten Fahrversuche stattfanden. Dieser Motor wurde bereits durch einen Benzinvergaser gespeist. Die Montage eines Zweitakt-Gasmotors in einem Wagen und die mit diesem Gefährt 1870 in Wien unter Zeugen realisierten Fahrversuche durch Siegfried Marcus dürfen als Beginn der Kraftfahrzeuggeschichte gewertet werden, weil verschiedene technische Erfindungen unter der Idee der Nutzung eines mobilen Motors für die Fortbewegung verknüpft und erfolgreich praktisch bestätigt werden konnten. Diese Bemühungen erwschöpfen sich nicht in einem einmaligen Versuch. Marcus ließ 1873 einen verbesserten Motor bauen und experimentierte zwischen 1875 und 1877 mit einem Viertakt-Benzin-Motor mit magnetelektrischer Zündung, der ebenfalls in ein Straßenfahrzeug eingebaut war. Dieser zweite Marcuswagen war mit einem Einzelzylinder-Mittelmotor mit Wasserkühlung, Steuerung über Einlaßschreiber und Tellerauslaßventil, Spritzbürsten-Vergaser und magnetelektrischer Abreißzündung ausgerüstet. Mehrere Elemente der Konstruktion basierten auf Patenten von Marcus.

Berichte über Fahrten mit dem zweiten Marcuswagen in Wien können bis 1877 verfolgt werden und wurden von ihm auch noch in den 80er Jahren fortgesetzt. Alle diese Bewegungen mit dem Fahrzeug trugen den Charakter von Versuchen, weil eine Produktion für den verbreiteten Gebrauch technisch noch nicht ausgereift und auch offenbar nicht beabsichtigt war. Marcus hatte aber den wesentlichen Beweis erbracht, dass ein Fahrzeug mit einem Motor prinzipiell bewegt werden konnte. Er war der erste der Konstrukteure in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der seine Versuche mit einem Benzinmotor unternahm – und dabei erfolgreich war. Die Leistung von Siegfried Marcus wurde frühzeitig anerkannt und er erhielt von Kaiser Franz Joseph I. für seine schöpferischen Erfindungen das „Goldene Verdienstkreuz mit Krone“ als Auszeichnung.

Bei diesen und vielen anderen Leistungen von Siegfried Marcus ist es erstaunlich, dass kaum Unterlagen über seine Konstruktionen und Erfindungen überliefert sind. Natürlich war er eher ein großartiger Praktiker mit genialen Ideen als ein Bücher schreibender Technikwissenschaftler. Schriftlich dokumentiert wurden seine wesentlichen Arbeiten aber in jedem Fall, da seine vielen Patente nur auf der Grundlage von schriftlich eingezeichneten Texten oder Zeichnungen erteilt werden konnten. Verluste traten aber durch Juristische Verfahren ein. 1879 bemühte sich ein amerikanischer Anwalt um ein Patent für ein Straßenfahrzeug. Wertvolle Unterlagen von Marcus gingen als Anfechtungsmaterialien in diesem Zusamenhang in die USA und haben sich dort verloren. Marcus hatte seinen persönlichen Patentanwalt Tischler in Berlin, der 1921 verstarb. In dessen Obhut waren nicht wenige Unterlagen zu den Erfindungen und Patenten von Marcus, die aber leider nach dem Tod des Anwalts vernichtet wurden.

Es unterliegt keinem Zweifel, dass in der Zeit der Hitler-Diktatur die Leistungen eines jüdischen Erfinders gezielt herabgemindert werden sollten. Sein Name hatte aus den Schriften, Nachschlagewerken oder Geschichtsdarstellungen zu verschwinden, wozu es erschreckende Belege gibt. Ein Brief aus dem Jahr 1940 ist dazu ein wichtiges Dokument:

Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda
Geschäftszeichen. S 8100/4.7.4.0/7 1
Berlin W8, den 4. Juli 1940
Wilhelmplatz 8-9

An die Direktion der Daimler-Benz-A.G. Stuttgart-Untertürkheim

Betrifft: Eigentlichen Erfinder des Automobils
Auf Ihr Schreiben vom 30. Mai 1940 Dr.Wo/Fa.

Das Bibliographische Institut und der Verlag F.A. Brockhaus sind darauf hingewiesen worden, dass in Meyers Konversations Lexikon und im Großen Brockhaus künftig nicht Siegfried Marcus, sondern die beiden deutschen Ingenieure Gottlieb Daimler und Carl Benz als Schöpfer des modernen Kraftwagens zu bezeichnen sind.

Im Auftrag gez. Dr. Eckmann

Marcus war ein überzeugender Einzelerfinder und begabter Handwerker, der wohl bewußt kein industrielles Unternehmen gründete und deshalb in der sich herausbildenden Industriewelt ein Außenseiter blieb. Weder ein großes Unternehmen noch eine einflußreiche Familie waren deshalb aus gewerblichen oder traditionellen Gründen an einer beständigen Würdigung seiner Leistungen interessiert. Marcus war ein herausragender Erfinder, dessen funktionierende Konstruktionen aber durch ihn nicht weiter entwickelt und bis zur Produktionsstufe im industriellen Rahmen fortgeführt wurden. Andere übernahmen die Staffette beim Bau von Automobilen, an deren Leistungen gegenwärtig in einem stärkeren Maße erinnert wird als an die Pionierleistungen von Marcus.

Neben den grundlegenden Erfindungen und erfolgreichen Versuchen zur Entwicklung des Automobils gehen auf Marcus zahlreiche andere technische Neuerungen zurück. Man weiß heute von 158 Patenten und Privilegien, wobei diese Zahl sein Gesamtwerk noch keineswegs erschöpft, da er viele Erfindungen gar nicht hat schützen lassen. Zu seinen vielen Leistungen gehören beispielsweise:

  • 1857 Verbesserungen der Sicherheitsventile an Dampfkesseln
  • 1858 Verbesserungen an dreibackigen Schraubenschneidekluppen
  • 1858 Telegraphenrelais
  • 1864 Magnet-elektrischer Zünder
  • 1865 Apparat zur Karbonisierung der Luft (Vergaser)
  • 1876 Automatischer Bilderapparat (Revue)
  • 1877 Elektrische Lampe
  • 1880 Neuerungen an galvanischen Elementen
  • 1891 Neuerungen an Wagenfedern
  • 1892 Elektrisches Läutewerk
  • 1894 Neuerungen an Bunsenbrennern
  • 1894 Elektrische Zündvorrichtungen für Gasflammen

Quelle: Reinhard Kullik (gekürzt)

Weitere Informationen über den Sohn der Stadt Malchin und Erfinder Siegfried Marcus erteilt gerne Reinhard Kullick (Marcusforscher und Mitglied unseres Oldtimer-Clubs).